Ohne Bildung ist eine gelungene Integration kaum möglich.
Ausgangslage:
Deutschland benötigt aufgrund des demografischen Wandels für eine erfolgreiche Zukunft auch die Zuwanderung von Migranten und Migrantinnen. Wir haben uns von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt und benötigen gut ausgebildete Fachkräfte.
Arbeitsplätze, bei denen es nur auf körperliche Leistungsfähigkeit ankommt, sind heutzutage rar.
Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wachsen in Deutschland in zweiter und dritter Generation auf, aber es haben zu viele - aus unterschiedlichen Gründen - große Bildungsdefizite. Das belegen die aktuellen Zahlen zur Bildungs- und Ausbildungssituation. Auch wenn deutsche Jugendliche davon betroffen sind, so ist doch der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich hoch ist:
In der für das Bildungssystem wichtigen Altersgruppe der unter 25-Jährigen haben mehr als ein Viertel (27,2 %) einen Migrationshintergrund.
Die aktuellen Zahlen zur Bildungs- und Ausbildungssituation ausländischer Jugendlicher belegen die insgesamt bedenkliche Situation:
? 44 % der ausländischen, aber nur 19 % der deutschen Jugendlichen besuchen eine Hauptschule
? 17 % der ausländischen Jugendlichen erreichen keinen Schulabschluss, bei den deutschen sind es rund 8,5%.
? 41 % der Altersgruppe der 25- bis unter 35 Jährigen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund haben keinen beruflichen Bildungsabschluss (ohne Migrationshintergrund 15 %)
Auch an Wittener Schulen zeigt sich, dass Kinder mit einem ausländischen Pass prozentual häufig eine Förderschule (ca. 27 %) oder Hauptschule (ca. 25%), und viel zu selten eine Gymnasium (4%) besuchen.
So bewerben sich auf ausgeschriebene Ausbildungsstellen viele Jugendliche, aber zu viele von ihnen sind ungeeignet: schlechte Zeugnisse, mangelhaftes Allgemeinwissen, unreifes Verhalten und das Fehlen von sozialen Kompetenzen macht diese Bewerber oft unattraktiv.
Selbst bei guten Schulabschlüssen haben Jugendliche mit Migrationhintergrund aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Chancen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, als ihre deutschen Mitbewerber. Dieses hat zur Folge, dass dieser Personenkreis prozentual besonders häufig von Arbeitslosigkeit betroffen ist.
Arbeitslosigkeit verursacht, neben den individuellen Folgen auch Kosten für hohe staatliche Transferleistungen und auf der anderen Seite Mindereinnahmen bei den Sozialversicherungen und in die Steuerkassen. Dieses belastet die Gemeinschaft und fördert ein ausländerfeindliches Klima.
Negative Folgen hat die Arbeitslosigkeit für alle davon Betroffenen, jedoch kommt bei arbeitslosen Migrantinnen und Migranten erschwerend hinzu, dass ihnen durch den fehlenden Arbeitsplatz gleichzeitig eine sehr wichtige integrationsfördernde Plattform fehlt: die Anforderungen des Arbeitsplatzes, der Austausch mit Kollegen, Teilnahme an Fortbildungen und eine allgemein übliche Tagesstruktur.
Diese Situation kann schnell zu einem Teufelskreis führen, da manche erwerbslose Eltern ihren Kindern wichtige Grundwerte schwer vorleben können, z.B. Selbstwert durch Erwerbsarbeit, das Erlernen und Gebrauchen der deutschen Sprache, gesellschaftliche Teilhabe. Eltern stehen ihren Kindern schwer als Vorbild zur Verfügung.
Aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation drängen viele Eltern ihre Kinder in einen Job, anstatt sich um deren Aus- oder Weiterbildung zu kümmern. Diese „Jobs“ stellen kurzfristig eine gute Einnahmequelle und finanzielle Entlastung dar. Jedoch zeigen die Arbeitslosenstatistiken, dass genau diese Hilfsarbeiter/innen, sowie andere Personen ohne Schul- und Berufsabschluss, den größten Anteil von Harz IV-Empfängern ausmachen.
Vielen Eltern mit Migrationshintergrund mangelt es an Wissen über das deutsche Schulsystem. Sie wissen nicht, dass ihre Mitarbeit und die individuelle Förderung ihrer Kinder notwendig sind. Selbst wenn diese Eltern den Bildungsbedarf erkennen, lassen ihre finanziellen Ressourcen selten bildungs- und integrationsfördernde Maßnahmen wie Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung, Klassenfahrt, Besuche des Sportvereins oder generelles Vereinsleben nicht zu. Viele Eltern möchten, dass ihre Kinder eine Schule besuchen, in der hauptsächlich deutsche Kinder sind. Doch können sie sich die Busfahrkarte zum Besuch der Schule ihrer Wahl nicht leisten. So bleiben diese Kinder neben ihrem Wohnumfeld, auch in der Schule zu oft „unter sich.“
Fazit:
Auf der einen Seite benötigen Unternehmen ausbildungswillige und –fähige Jugendliche, damit sich diese zu qualifizierten Mitarbeiter/innen entwickeln können. Nicht besetzte, oder fehlbesetzte Arbeitsplätze verursachen Kosten. Auf der anderen Seite wünschen sich auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, genau wie einheimische Kinder, gute Schulabschlüsse und einen geeigneten Ausbildungsplatz. Doch sie nehmen durchaus wahr, dass sie schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Viele sind hierdurch resigniert und mutlos, was sich vielfältig äußern kann. Eigenständig sind sie kaum in der Lage, für sich die Weichen in eine bessere Zukunft zu stellen. Sie benötigen Vorbilder, Ansporn und Unterstützung von Menschen, die an sie glauben.
Eltern mit Migrationshintergrund wünschen sich, ebenso wie einheimische Eltern, für ihre Kinder den schulischen und beruflichen Erfolg. Sie benötigen jedoch bei der Erfüllung ihres Erziehungsauftrags Unterstützung in Form von Beratung, aber auch finanzieller Art.
Förderung der Bildungschancen
Die Stadt Witten hat unter anderem mit dem Projekt „Kontrakt - Unternehmen für Bildung“ auf diese Situation reagiert: Das Projekt möchte die Chancengleichheit für Jugendliche, die aufgrund ihrer kulturellen und sozialen Herkunft benachteiligt sind, fördern, damit sich diese beruflich besser etablieren können.
Ebenfalls wurde ein dreisprachiger Bildungsfahrplan erstellt, der kurz und einfach wichtige Begriffe und Gegebenheiten des Bildungssystems zu erklären versucht.
Sie finden in hier auch eine Übersicht über die Möglichkeiten in unserer Stadt, einen Schulabschluss nachträglich zu erwerben. Denn „Zum Lernen ist es nie zu spät“! Und das trifft Menschen jeglicher Herkunft zu - auch der Deutschen.
Claudia Formann
Integrationsbeauftragte der Stadt Witten
vhs Witten│Wetter│Herdecke
Die vhs Witten│Wetter│Herdecke führt Lehrgänge zum Erwerb von Schulabschlüssen durch, und zwar:
- den Hauptschulabschluss nach Klasse 9,
- den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 und
- den Mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife).
Ein Lehrgang dauert zwei Semester.
Unterrichtet werden die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch, Geschichte/Politik und Biologie.
Hinzu kommt im Vormittagsbereich Datenverarbeitung (EDV)
und am Abend Erdkunde bzw. Wirtschaftslehre.
Es ist möglich, einzelne Fächer zu belegen (etwa zum Erwerb der Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe).
Voraussetzung für die Teilnahme ist die Beendigung der allgemeinen Schulpflicht sowie ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache. Die Aufnahme erfolgt ohne Prüfung und unabhängig von Zeugnisnoten.
Für den Kurs zum Erwerb des Mittleren Schulabschlusses (Fachoberschulreife/FOR) ist der Hauptschulabschluss nach Klasse 10 Vorraussetzung.
Am Ende des Lehrgangs legen die Teilnehmenden eine schriftliche Prüfung in zwei der drei Hauptfächer (Deutsch, Mathematik, Englisch) sowie in einem weiteren Fach ab.
Die Koordinatorinnen der Lehrgänge beraten Interessenten jeden Montag in der Zeit von 18.00 bis 19.30 Uhr im Widey-Zentrum, Lehrerzimmer, Breite Straße 74, 58452 Witten, Tel. 02302 423836 (Schulferien ausgenommen).
Stabsstelle Integration, Internationale Beziehungen und Städtepartnerschaften
Haus Witten, Ruhrstraße 86 | 58452 Witten | Tel: 02302 / 581-1012
Fax: 02302 - 22932 | Email: integration@stadt-witten.de